Vortrag von Siegrun Laurent 

zur Eröffnung der MatriaCon-Schule im März 2017


 
Von der Frauenbewegung
über den Feminismus
zur Matriarchalen Gesellschaft
 
 
Die Frauenbewegung begann mit Gemüse!
Es war ein Tag im März 1968, wie heute, kühl und verregnet. An diesem Abend machten sich etwa 100 Frauen und einige Männer auf den Weg zu einer Versammlung, zu der ein Flugblatt in der Freien Universität Berlin verteilt wurde. Den Text hatte die politische Aktivistin und spätere Filmemacherin Helke Sander verfasst, die sich zwischen der Betreuung ihres kleinen Kindes und ihrer politischen Arbeit zerrissen fühlte. An diesem Abend wurde der „Berliner Aktionsrat zur Befreiung der Frauen“ gegründet. An diesem Abend schien sich auch eine Veränderung der Bewusstseinsbildung anzubahnen, in dem die eigenen Biografien der Anwesenden sich Situationen erinnerten und diese reflektiert wurden. Die daraus entstehende Betroffenheit wurde plötzlich nicht mehr als individuelles Schicksal oder Problem gesehen, sondern als kollektive Situation, denn es deckte sich mit dem Erleben von vielen anderen Frauen im Saal. Somit eröffnete sich ein ganz neues Politikfeld, das bis zum heutigen Tag eine große Wirkkraft ausstrahlt: „Das Private ist politisch“.
 
Daraus folgte, dass die „Betroffenen“ unmittelbar in den Kampf um politische Entscheidungsprozesse eingebunden werden müssen. Die bekannte Stellvertreterpolitik, die ja mit mir selbst nichts zu tun hat, wird vehement abgelehnt. Am Ende der Versammlung wird entschieden, dass Helke Sander, als Genossin des SDS, dieses Ergebnis auf der 93. Delegiertenkonferenz des SDS (Sozialistischer Deutscher Studentenbund) am 13. September1968 bekannt gibt. Nach heftigen Diskussionen im SDS wird ihr widerwillig das Rederecht erteilt. Helke hält ihre später so berühmte Rede. Sie kritisiert darin den SDS als männlich geprägt, thematisiert den Zusammenhang von Frauenunterdrückung und Kindererziehung. Dabei deckt sie die ins Private abgedrängten Probleme auf: „Die meisten Frauen sind deshalb unpolitisch, weil Politik einseitig definiert wird und die Bedürfnisse von Frauen nie erfasst werden.“ Das war der erste öffentliche Ausdruck eines neuen erweiterten Politikverständnisses das die Macht- und Herrschaftsdimension im Privatbereich thematisierte. Zum Schluss ihrer Rede betont sie nochmal, dass das „Persönliche politisch ist und warnt die Männer des SDS: „Genossen wenn ihr zu dieser Diskussion, die inhaltlich geführt werden muss, nicht bereit seid, dann müssen wir allerdings feststellen, dass der SDS nichts weiter ist als ein aufgeblasener konterrevolutionärer Hefeteig. Die Genossinnen werden dann die Konsequenzen zu ziehen wissen.“
 
Die Genossen bleiben völlig unbeeindruckt, so als hätte sie nie geredet und wollen desinteressiert einfach zur Tagesordnung übergehen. Die Frauen des Aktionsrates erstarren und sind fassungslos über diese Demütigung. Ohne zu überlegen nimmt eine der Genossinnen, Sigrid Rüger, die als Vesper gedachte Tomaten vor ihr auf dem Tisch und wirft sie mit voller Wucht auf die „Autoritäten“ des SDS. Genau diese Tomaten gelten als „Signal“ und als „Symbol“ der Neuen bundesdeutschen Frauenbewegung. Was dann folgt ist die Trennung von gemischten Gruppen. Frauen beziehen sich ganz auf ihre Lebenswirklichkeit, ihre Bedürfnisse, ihr Leiden, ihre Visionen. Es entstehen Selbsterfahrungsgruppen in denen sich Frauen ehrlich ihr Leben erzählen. Frauen erschließen sich Räume - innerliche und äußerliche - feiern rauschende Feste, gründen Frauenzentren, Frauenbuchläden, halten Frauenkurse und -Seminare, eröffnen Frauenkneipen, Cafés, Bildungshäuser und Bauernhöfe. Es entwickelt sich in ungeahnter Kraft und Geschwindigkeit eine lebendige, lebensfrohe, kreative Frauenkultur. Am 5. April 1971 veröffentlicht das französische Wochenmagazin „Nouvel Observateur“ das Manifest der 343“. 343 Französinnen bekennen, „je me suis fait avorter“ „Ich habe abgetrieben“ Unterzeichnerinnen sind auch bekannte Frauen wie Simone de Beauvoir, Marguerite Duras, Fransoise Sagan, Jeanne Moreau und viele andere! Die Initiatorinnen der Aktion sind die „Feministes Revolutionaires“ vom MLF (Movement des Liberation des Femmes). Alice Schwarzer, die als Journalistin in Paris lebt transportiert die Aktion nach Deutschland. Am 6. Juni erscheint der „Stern“. Auf dem Titelblatt sind 28 Frauen abgebildet, darunter Senta Berger und Romy Schneider die bekennen: „Wir haben abgetrieben.“ Insgesamt unterschreiben zu diesem Zeitpunkt 374 Frauen und erklären: „Ich bin gegen den Paragraphen 218 und für Wunschkinder“. Die Veröffentlichung im „Stern“ wird innerhalb weniger Tage zum nationalen Skandal – und löst eine Lawine aus. Die Frauen brechen ihr Schweigen. Sie reden über ihre Angst vor nicht gewollter Schwangerschaft – über ihre Abtreibungen – über Sexualität – über Gewalt, über ihre Ohnmacht, ihr Ausgeliefert sein. Sie reden überall – in Büros und Fabriken, in Stadtvierteln und Universitäten. Der Zulauf, zu den schon bestehenden Frauenzentren ist enorm. Und da wo noch kein Frauenzentrum besteht wird kurzerhand eines gegründet. Die Kirche steht Kopf. Die Polizei stürmt Wohnungen und beschlagnahmt hunderte von Selbstbezichtigungen und tausende Solidaritätserklärungen. In Frankfurt findet das Delegiertentreffen der Aktion 218 statt und zählen 2345 Selbstbezichtigungen und über 87000 Solidaritätserklärungen. In einem Protestschreiben an die Bundesregierung erklären sie: Der große Erfolg der Aktion 218 ist der Beweis, dass Frauen den vom Staat und Kirche auferlegten Gebärzwang nicht länger als ihr individuelles Problem begreifen.
 
Das Buch „Sexus und Herrschaft“ von Kate Millet erscheint auf Deutsch. Sie konzentriert sich auf zwei Aspekte: Die Funktion der Sexualpolitik und die inneren Fesseln der Frauen. Sie schreibt: „Da Frauen im Patriarchat nur „Randbürger“ sind, gleicht ihre Situation der anderer Minoritäten und weisen die bei einer Minorität zu erwartenden Charakteristiken auf: Gruppenhass und Selbstablehnung. Verachtung, sowohl ihrer selbst als auch anderer Frauen.“ Schon 1849 erklärte die Frauenrechtlerin Louise Dittmar in ihrem Aufsatz „Über das Wesen der Ehe“: „Weib, Ehe und Liebe tragen das Sklavenbrandmal“.
 
Als hätte sich eine Schleuse geöffnet erscheint ein Buch nach dem anderen. Wir lesen wie die Verrückten. Gründen Lesegruppen, Diskussionszirkel und fangen an zu reisen“. Die Autorin Shulamith Firestone schreibt in ihrem Buch „Frauenbefreiung und sexuelle Revolution“: „Feministinnen müssen nicht nur die gesamte westliche Kultur in Frage stellen, sondern die Kultur selbst... Doch bevor wir daran gehen können eine Situation zu verändern, müssen wir erkennen, wie sie entstanden ist, wodurch sie erzeugt wurde und welche Institutionen sie heute aufrecht erhalten.“ Genau das machten wir! Wir stellten alles in Frage. Alles – auch, und vor allem, unser eigenes bisheriges Leben. In der Frauenliteratur werden die feministischen Forschungsergebnisse von Ethnologie – Soziologie - Philosophie – Psychologie – Patriarchatsanalyse und Spiritualität immer umfangreicher.
 
Wie gebannt lesen wir das von Erika Wisselinck übersetzte Werk der amerikanischen Philosophin und Religionswissenschaftlerin Mary Daly „Gyn-Ökologie – Eine Meta-Ethik des radikalen Feminismus“. Weil es viele Frauen nicht aushalten es zu lesen, ohne zusammenzubrechen, gründen wir eine Lesehilfsgruppe, die sich bereit erklärt, Tag und Nacht für eine Krisenintervention zur Verfügung zu stehen. Mary Daly schreibt: „Die vorherrschende Religion auf dem gesamten Planeten ist das Patriarchat als solches, und seine eigentliche Botschaft ist die Nekrophilie... nur was völlig durchschaut und damit exorziert ist, kann uns nichts mehr anhaben. Nur so wird der Weg frei zu unseren eigenen schöpferischen Kräften und damit zur Schwesterlichkeit und zu unserem eigenen Sei-en“.
 
Die Frauenbewegung ist beileibe kein homogenes Gebilde und das ist gut so. Außer den starken, autonomen Frauengruppen gibt es die fantasievolle Lesbenbewegung, die sozialistischen Feministinnen, die kommunistischen KFrauen, die Anti-Biologistinnen, die Gruppen einer neuen Weiblichkeit „Frauen sind anders“, die frauenbewegten Gewerkschafts- und Parteifrauen, die spirituellen Frauengruppen, die Spiritualität als radikale Kraft der Veränderung sehen und die Matriarchatsfeministinnen. Die Grenzen sind fließend, bunt und vielfältig. Großen Einfluss, besonders auf autonome Frauengruppen hat die Theorie des Anarchismus. Der Begriff kommt aus dem Altgriechischen und wird mit Herrschaftslosigkeit übersetzt. Das Ziel ist die Aufhebung von Herrschaft von Menschen über Menschen und jede Art von Hierarchie als Form der Unterdrückung von Freiheit, Selbstbestimmung, Selbstverwirklichung und Gleichberechtigung. Die Wurzeln des Anarchismus gehen auf den Daoismus zurück, dessen Mittelpunkt ein Leben im tiefen Einklang mit den Gesetzen der Natur, ohne Priesterkaste und ohne Hierarchie des Staates, ist. Nach Rudolf Rocker, ein deutsch-englischer Politiker und Anarchist, gibt es keine politischen Zwangsläufigkeiten sondern nur Zustände die geduldet werden und die im Nichts versinken, sobald die Menschen ihre Ursachen durchschauen, sich dagegen auflehnen und nicht mehr danach leben. Kurz vor dem Jahreswechsel zum neuen Jahrzehnt 1980 schreibt die frauenbewegte Frauen- und Familienministerin Antje Huber: „Von einer Frauenbewegung, also einem locker organisatorischen Zusammenhang von Gruppen und Projekten mit den gleichen Zielen - kann nicht mehr gesprochen werden.
 
Die Feministinnen haben den Marsch durch die Institutionen und die Welt angetreten. Sie sind frauenengagierte Lehrerinnen, Journalistinnen, Geschäftsfrauen, Wissenschaftlerinnen, Schriftstellerinnen oder Politikerinnen geworden. Sie werden Mütter oder machen Karrieren. Der Feminismus ist von nun an nicht mehr innerhalb einer „Bewegung“ verortet, sondern durchzieht die gesamte Gesellschaft und wird in Zukunft vielfältige Formen annehmen“. Dann erscheint das Buch: „Die Göttin und ihr Heros“ im Verlag Frauenoffensive. Autorin ist Heide Göttner-Abendroth, Philosophin, Literaturwissenschaftlerin und Frauenforscherin. Das Buch ist eine Rekonstruktion der verdrängten, verdeckten und vergessenen Religionen. Matriarchale Weiblichkeit und matriarchale Männlichkeit treten dabei klar zutage. Die Wiederentdeckung der Struktur der matriarchalen Religionen gestattet uns, die typischen Veränderungen, welche die Religionen in einer patriarchalen Gesellschaft erfuhren in ihrer Deformation darzustellen.
 
Die Analyse ist dabei immer auf die Auseinandersetzung von matriarchalen und patriarchalen Gesellschaftsformen und deren Ideologiebildung bezogen. Daran zeigt sich der große Einfluss sehr alter matriarchaler Denkformen auf unsere „eigene“ Kultur bis heute, ohne dass wir uns dessen bewusst sind. Sie wieder zu erkennen bedeutet ein hinzugewonnenes Stück von Selbstidentifikation. - Welch ein Buch! Wieder lasen wir es gemeinsam. Interessant war, dass es manche von uns sofort verstanden und andere überhaupt keinen Zugang fanden. Im Nachhinein stellten wir fest, dass es ein Buch mit Langzeitwirkung war. Frauen reisten schon in den 70er Jahren überall dort hin wo wir eine alte matriarchale Kultur vermuteten, wie z. B. Kreta, Malta, Anatolien, Zypern, Euskadi, Irland, Bretagne und und … Doch durch dieses Buch wurde unser Blick geschärft. Allerdings noch sehr abstrakt – ein Wissen aus einer fernen Zeit ohne direkten persönlichen Bezug. Alles weit weg verbunden mit einer Sehnsucht auch „dort“ zu leben, nah an den verfallenden Tempeln, Steinkreisen, Menhiren, Dolmen, Felszeichnungen, Bilderwelten und Symbolen.
 
Nach zwei Jahren, 1982 erschien ihr nächstes Buch: „Die tanzende Göttin - Prinzipien eine matriarchalen Ästhetik“ auf dem Markt. Jetzt wurde es konkret. Für mich, die ich Bildende Kunst studiert habe und aus Protest aus dem Kunstbetrieb ausgestiegen bin, fast eine Offenbarung: Eine geniale Analyse des patriarchalen Kunstbegriffes. Und nicht nur das. Wenn eine Vision die Wirklichkeit vorwegnehmen kann, dann sind es Texte in diesem Buch, das Zuversicht vermittelt.
 
An dieser Stelle möchte in mich aus tiefstem Herzen bei den wunderbaren, klugen und mutigen Frauen bedanken, die uns seit Jahrzehnten mit ihren Büchern nähren, führen und stärken, die uns mit ihrem Wissen begleiten und uns ihre Erkenntnisprozesse schenken. Sie sind es, die es uns ermöglichen, die uns zugedachten Grenzen zu überschreiten. In den letzten Jahrzehnten wurde der Feminismus oft totgesagt aber das ist ein Irrtum. Die Feministinnen sind stärker, sicherer und ruhiger geworden. Es hat sich etwas gewandelt. Uns wurde bewusst, dass alles um das wir mit unserer Lebensenergie gekämpft haben,Systemimmanent war! D.h. innerhalb, eingeschlossen, eingegrenzt von einem System, das wir durch unsere eigene Veränderung verändern wollten doch das wir innerlich schon längst verlassen haben ohne es zu bemerken. Längst haben wir uns aus dem Patriarchat verabschiedet.
 
Niemand kann uns mehr aufhalten eine matriarchale Kultur zu leben. Das Patriarchat hat keine Macht mehr über uns. Wir haben es überwunden und stellen unser Sei-en in den Dienst einer neuen/alten Heimat in der wir alle Kraft die uns zur Verfügung steht einsetzen um diese kostbare, einzigartige Erde noch zu retten.
 
Möge diese neue „Internationale Schule für ein matriarchales Bewusstsein“ ihren Teil dazu beitragen.
Möge die Große Mutter ihren Segen geben.
So sei es
 

 

Druckversion Druckversion | Sitemap
Impressum | Datenschutzerklärung
© 2017 MatriaCon – Schule für Matriarchales Bewusstsein

Anrufen

E-Mail